1. Vorsitzende und künstlerische Leitung von 1997 bis 2003
Wie kam es dazu, dass du erste Vorsitzende des Kunstvereins wurdest?
Das war etwas komplizierter. Ich bin ein Mensch, der immer phasenweise gelebt hat und dann jeweils radikal damit abgeschlossen hat. Bevor ich im Kunstverein anfing, habe ich in Hamburg gelebt und in einem kleinen Verlag als Lektorin gearbeitet. Als diese Phase vorbei war – mein Verlag war von einem großen Verlag übernommen worden und die Arbeitsbedingungen hatten sich deutlich verschlechtert – sind wir dann nach Lüneburg gezogen. Da habe ich Bettina Cramm kennengelernt und die hat mich dann gefragt.
Und was hat dich persönlich bewogen, den Vorstand zu übernehmen?
Ich hatte Lust auf etwas Neues. Und ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich meine, nur so dasitzen und lesen ist ja auch nicht das Wahre und in Lüneburg gab es zu der Zeit keinen Bedarf für meine Sprachkenntnisse. Ich hatte zwischenzeitlich wieder mit dem Zeichnen angefangen, ich habe schon früher immer viel gezeichnet … und dann habe ich einfach zugesagt.
Hattest Du eine schöne Zeit im Kunstverein?
Ja, es war eine gute Zeit, aber manchmal waren wir abends auch fix und alle. Es war damals üblich, dass alle mitgeholfen haben, ob es jetzt Herr Bavendamm war oder Herr Czajka. Die Leute haben während des Aufbaus der Ausstellungen spontan mit ihren Partnern vorbeigeschaut und gefragt, ob sie noch mithelfen können. Ja, und ich habe mich reingekniet. Wir hatten teilweise wahnsinnige große Erfolge! Aus Platzmangel haben die Besucher oft auf der Treppe gestanden …
Das konnten wir auch ein bisschen aus den Protokollen schließen. Wie wurde das Programm entwickelt und die Künstler*innen ausgewählt? Hattet ihr einen künstlerischen Beirat?
Nein, das hat nicht funktioniert. Am Anfang hatten wir ein paar Interessierte, die kamen aber unregelmäßig zu den Treffen. Und meiner Meinung nach war deren Haltung auch etwas antiquiert. Dafür haben Herr Czajka, Herr Bavendamm und ich übergreifend zusammengearbeitet, also ohne Beirat, das war sehr angenehm. Wir haben ja jede Menge Angebote von Künstlern bekommen, die wir erstmal sortieren mussten. Wir sind ebenfalls viel gereist und haben uns die Werke angeschaut, und danach haben wir ausgewählt. Ich habe mich auch umgehört, viele Menschen hatten wirklich eine etwas altertümliche Vorstellung von Kunst. »Kunst muss immer seriös sein. Kunst muss nach ganz bestimmten Kriterien ablaufen«. Ich habe versucht, dieser elitären Auffassung von Kunst entgegenzuwirken. Kunst kommt von unten, aus dem Bauch raus, aus der Seele. Sie macht die Seele frei, lässt sie manchmal aufschreien. Im ersten Jahr hatten wir nur zwei Ausstellungen, weil wir kein Geld hatten. Unterstützt hat uns die Zeitung, das war damals Herr Koch von der Lüneburger Zeitung, der verstand ja auch etwas von Kunst. Und ich bin zum Beispiel zum Bürgermeister gegangen, um im Rathaus nach finanzieller Unterstützung zu fragen.
Gab es Themen, die viel diskutiert wurden oder bei denen Uneinigkeit herrschte?
Themen kann ich eigentlich nicht sagen. Es wurde sich über diesen oder jenen Künstler intensiv unterhalten, auch mit dem Publikum. Und über die künstlerische Darstellung von Themen. Mit den Mitgliedern haben wir dann oft über Künstler gesprochen, die bei uns ausstellen wollten. Aber in der Regel waren wir froh, wenn wir schon eine feste Reihenfolge an Künstlern hatten, weil wir ja immer so wahnsinnig viele Bewerbungen bekommen haben.
Was für eine Rolle spielt die Kunst in der Gesellschaft für dich?
Für mich hat die Kunst auch immer etwas mit Fantasie, mit der Seele zu tun. Kunst ist das Mittel, dies ans Licht zu holen. Das war früher so und das ist heute noch so.
Was hatten die Räume für einen Einfluss auf die Ausstellungen?
Ins Heine-Haus wart ihr ja relativ neu eingezogen.
Die Räume hatten einen maßgeblichen Einfluss auf die Ausstellungen, es war teilweise sehr beengt und es gab viele Einschränkungen. Ich bin dann jeweils mit dem Künstler oder der Künstlerin vorab durch die Räume gegangen und wir haben genau geschaut, wo überhaupt die Möglichkeit besteht, etwas hinzustellen oder hinzuhängen und ich habe vorher immer genau mit ihnen abgesprochen, was wir machen dürfen und was nicht – es durften zum Beispiel keine Nägel in die Wände geschlagen werden. Normalerweise hat das gut geklappt, auch wenn die Künstler beim Aufbau alleine waren. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Ausstellungen durchweg erfolgreich und blendend besucht. Mancher Künstler hat sich durch die Möglichkeit, bei uns auszustellen, richtig befreit gefühlt und es dann gewagt, woanders anzufragen. Das war schön.
Wurden damals auch Werke verkauft?
Ja, insgesamt wurde eine Menge verkauft – tatsächlich meistens die Stücke, die die Leute gut transportieren konnten. Also, Ich habe immer Strichlisten über die Verkäufe geführt, daran konnte ich sehen, wie viel es war.
Haben die Künstler*innen Honorare bekommen?
Nur, wenn sie was verkauft haben, dann bekamen sie den Erlös, sonst nichts. Und die meisten hatten sich bereits um eine Unterkunft gekümmert und wussten, wo sie abends bleiben konnten. Das hat immer ganz gut geklappt, da hatten wir dann auch keine Unkosten.
Habt ihr auch Ausflüge oder Exkursionen gemacht?
Nein. So etwas war damals überhaupt nicht angedacht. Aber wir sind Kooperationen eingegangen: Wir haben zum Beispiel mit dem BBK zusammengearbeitet, da fing es dann an mit den Ausstellungen bei der Avacon, später wir haben eine Ausstellung mit dem Literaturbüro organisiert, auf der parallel gelesen wurde … das war ein Projekt mit der deutsch-französischen Gesellschaft, eine sehr angenehme und schöne Zusammenarbeit.
Musstet ihr um Mitglieder werben?
Nein. Als ich anfing waren es hundert, glaube ich. Ich kann mich nicht darüber beklagen, wir hatten einen Wahnsinns-Zuspruch. Aber es war eine ganz andere Situation früher. Das kann man nicht vergleichen mit heute.
Das Interview führten Angela Schoop und Hanna Zeyen