
von Max Weinland
»Und was machst du so?«
»Ich mache so Sachen hier im Kunstverein, in der Stadt.«
»Ah, cool. Was für Sachen? Wie ist das so?«
Es ist meist recht einfach und unglamourös. Es ist anders als ich es selbst erwartet hatte, bevor ich ein Teil dieser Institution wurde, auch wenn es natürlich eine angenehme Arbeit ist. Die Miete für meinen Büroplatz neben dem Ausstellungsraum ist bezahlbar, von hier aus verkaufe ich freiberuflich meine Arbeitskraft als Grafikdesigner und Schriftgestalter. Wenn er gerade das nötige Geld hat, verkaufe ich sie auch an den Kunstverein, wenn nicht, schenke ich sie ihm gern. Das Geld kommt dann eben aus anderen Arbeitskraftverkäufen. Erspartes, geschweige denn Kapital besitze ich nicht. Meine Situation erlaubt es mir trotzdem, mich ein wenig zu verschwenden und diese Verschwendung ist das, was mich reizt. Ich bin täglich hier. Es ist mein Arbeitsplatz, bequem auf halbem Weg zur Kita gelegen. Ein gewisses Maß an Arbeit fällt beinahe von alleine dem Kunstverein zu. Der andere Teil fällt überwiegend leicht und macht Freude. Man bekommt häufig Gelegenheit, mit Besuchenden über die laufende Ausstellung zu sprechen, man wird mit bestimmten Arbeiten sehr vertraut, andere lernt man auszuhalten, wieder anderen begegnet man, wie man der Einrichtung des eigenen Arbeitsplatzes begegnet – ein genügender Tisch, der die Arbeit nicht erschwert, here we go again.
Ich bin wirklich kein Kunstliebhaber, ich mag aber künstlerische Arbeit. Zu den Künstler:innen und Ausstellungen, die ich hier enger begleitet habe (ich habe Skrupel, »kuratiert« zu sagen), habe ich ein interessiertes Arbeitsverhältnis, mitunter eine persönliche Nähe oder Freundschaft. Wir sorgen hier mit gemeinsamer Arbeit dafür, dass jemand anderes etwas möglichst treffend und eindrücklich formulieren kann, das dann für eine recht kurze Zeit gezeigt wird, ohne dafür Eintrittsgebühren zu verlangen. Ob das Ergebnis dann jemanden interessiert, ist eine nachrangige Frage. Auf dieser Ebene sind wir marktfern1 – wir haben ein Angebot, that’s almost it.
Erste Allgemeine Verunsicherung
Kunstvereine sind immer abhängige, fast immer prekäre Orte, oft Orte des Nicht-Verstehens, manchmal Orte, an denen man mit Dingen konfrontiert wird, die nicht angenehm, aber lehrreich sind. Es sind also, gleich auf mehrere Arten, meist keine wirklichen »safe spaces«. Manche von ihnen beanspruchen für sich, Negativität einen Raum und eine Zeit zu geben. Es sind schließlich oft Erfahrungen der Entäußerung, die uns, Verhältnisse, Dinge bewegen. Dafür braucht es Räume der Verunsicherung.
Kunstvereine sind oft Orte, an denen man Dingen begegnet, die man nicht gleich versteht. Die man vielleicht garnicht verstehen kann, weil ein eiliges »verstehen wollen«2 der falsche Ansatz ist, sich ihnen zu nähern. »Sofort verstehen wollen« kann schließlich eine Form der Abwehr sein. Dieses »noch nicht verstehen« auszuhalten, muss geübt werden. Dass das kein garantierter Publikumsmagnet ist, geschenkt.
Und dann die Prekarität. Es ist – neben, unter, hinter dem ganzen Spaß – eine mühselige Arbeit, jemandem ein klein wenig materielle Sicherheit, Aufmerksamkeit und produktive Reibung zu ermöglichen. »Freiheit« heißt hier, alles trotzdem zu machen. Die Vorstellung von individueller künstlerischer Praxis hebt sich in der konkreten Arbeit auf, noch bevor sie theoretisch überwunden werden müsste.
Ein Safe ist safe ein Safe
Das Fundament auf dem all diese Arbeit geleistet wird, ist also – mindestens bei uns – nichts als Sand. Jetzt im Moment noch fest genug, um erstmal weiterzumachen. Es kann alles ganz schnell ganz schwierig werden. Wenn das Haus, in dem der Raum halbwegs günstig zur Miete steht, das nicht genossenschaftlich verwaltet wird, verkauft wird3, wenn es saniert wird, die Kosten auf die Miete umgelegt werden. Wenn im Kulturausschuss der Stadt die Reaktion sitzt und arbeitet. Wenn die private Stiftung nur noch eigene Projekte üppig finanziert oder sich anderweitig normal zeigt. Wenn ein Ministerium den Gürtel enger schnallt. Wenn man von Rechten und Liberalen angeschwärzt wird, weil man nicht »neutral« ist. Wenn das politische Klima sich um akute Themen aufheizt – etwa zum Nahostkonflikt – und sich in autoritär-eilfertigen Maßnahmen zum Management öffentlicher Diskurse entlädt. Da reicht es manchmal schon, bloß ein mehr oder weniger linksliberales Programm zu haben (wie z. B. meist wir). Wessen Sicherheit und wovor? Weit geht es da ohne Ausschlüsse4 und Zensur nicht. Und heißt Sicherheit gleich auch Bekenntniszwang oder Neutralitätsgebot?
Auf jeden Fall heißt Sicherheit im Kunstbetrieb auch Safe. Museen und private Sammlungen, manchmal auch Kunstvereine (Stichwort Jahresgaben), sind in kapitalistischen Verhältnissen immer auch Wertbehälter. Man hängt schnell von Mäzenen ab, die man dann bald zu gern hat. Sehr selten sind immer noch diejenigen Bürgerlichen, die ihren Stand verraten und sich und ihr Kapital an etwas wie eine Kunstinstitution, ein Forschungs- oder Literaturprojekt »verschwenden«, damit sich dadurch, ganz vielleicht, ja doch etwas ändert.
Gut, Güter, Gründe
Kunstvereine sind nicht vor Vereinnahmung sicher, das sollten sie auch nicht sein. Der Anspruch einen Raum vollkommen uneinnehmbar zu machen, ist nicht nur ein unerreichbares Ideal, es ist auch kein schönes. Politik ist im Kern der Konflikt um Güter und darum, was diese Güter überhaupt sind, also auch darum, was gut ist. Es gibt sehr wohl gute und schlechte Vereinnahmungen, emanzipatorische und reaktionäre, kluge und dumme. Die »Offenheit« und »Freiheit« solcher Räume ist voraussetzungsreich. Sie braucht Menschen, die sehr viel Arbeit leisten, die ihre Funktionen innerhalb einer Institution ernst nehmen und darauf bestehen, Dinge auf eine bestimmte Art zu machen und nicht auf eine andere. Sie braucht Auseinandersetzungen und weiterhin – vermutlich in wachsendem Ausmaß – mühseligste Bürokratie. Sie braucht die dauernde Präsenz der involvierten Personen vor Ort, sie braucht ständig Arbeit und Geld. Ein Kunstverein ist ein einziger Knoten aus Kompromissen, Vereinnahmungen, Widersprüchen, überschüssiger Arbeit und Inwertsetzung. Dass eine Kunstinstitution nicht von beliebigen Leuten unter beliebigen Maßstäben betrieben werden sollte, ist eine sofort einleuchtende Art von Elitedenken. Es lässt sich allerdings auch an einer prestigeträchtigen Universität problemlos Mist verzapfen.
Befürworter:innen ideeller Keuschheitsgelübde, wie sie nötig wären, um einen Raum uneinnehmbar – also konsequent leer – zu machen, behaupten gerne, von parteiischer »Raumpolitik« nichts wissen zu wollen. Solche Neutralitätsgebote sind aber selbst probate Mittel einer parteiischen, ganz handfesten Raumpolitik – unliebsame Institutionen lassen sich damit leicht angreifen. Sie werden auf ihr ökonomisches Eigeninteresse zurückgeworfen, wenn sie vor der Wahl stehen, sich politisch eindeutig zu positionieren oder weiterhin bestimmte Förderungen zu erhalten. McKunstverein als Kulturfranchise mit corporate values ist eine Horrorvision.
Die Idealvorstellung des Neoliberalismus ist die eines freien Tausches unter gleichen, im Eigeninteresse handelnden Individuen – uneingenommen, selbstverwirklicht, ich, ich, ich. Selbstredend ist die weit entfernt von der wirklichen neoliberalen Realität, aber Realität wie Ideal sind gleichermaßen antisozial. In einer richtigen Gesellschaft – in einer Zukunft, die erst wieder hergestellt werden muss – würde Ungleichheit für Alle herrschen oder wie Bernhard Pirkl sagt: »Socialism is in your interest precisely because it’s not in your interest«. Dieser sozialistische Egoismus ist dem liberalen Egoismus gegenüber zu verteidigen. Sich in den Inhalten also gerade nicht durch das ökonomische Eigeninteresse einengen zu lassen ist vernünftig und anstrengend – das eine ist ohne das andere nicht zu haben.
Unabhängig davon, ob es von diesem Staat ermöglicht oder erschwert wird – eine Frage politischer Konjunktur – sollten wir uns deshalb nicht davon abbringen lassen, unsere Arbeit so zu tun, wie wir es für richtig halten. Und zwar mit allen Schleichwegen, Biegsamkeitsübungen und allem ökonomischen Erfindungsreichtum, den wir eh schon aufbringen müssen. Ein Verein ist dafür ein gar nicht so schlechtes Vehikel. Ohne Verbrauch und Verschwendung läuft dieses Vehikel nunmal nicht. Da steckt am Ende, wie soll es heute anders sein, also doch wieder das Dreieck der liberalen Ökonomie drin: die Verunsicherung, das Vereinnahmen und das Verausgaben.
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Natürlich ist auch die Organisationsform des nicht-profitorientierten, gemeinnützigen Vereins, ganz für sich genommen, marktfern. Wo wir dann wiederum marktnah sind, ob wir wollen oder nicht: In einem Kunstverein ausgestellt zu haben, der in einem gewissen Ruf steht, hat natürlich einen Effekt auf den Marktwert einer »künstlerischen Position« (noch so ein Warenwort). Außerdem kann das Ausstellungsprogramm, gemeinnütziger Trägerverein hin oder her, ganz dem entsprechen, was gerade auf dem Markt Erfolg hat und sich ihm auf diesem Wege wieder völlig anpassen.
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»Lacan erinnert seine Studierenden immer wieder daran, den Versuch aufzugeben, alles verstehen zu wollen, weil Verstehen letztendlich eine Form der Verteidigung ist, sie wirft alles auf das schon Bekannte zurück. Je mehr du versuchst, zu verstehen, desto weniger hörst du – und desto weniger kannst du etwas Neues und Anderes hören.« Bruce Fink: The Lacanian Subject, Princeton University Press 1995, freie Übersetzung des Autors
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Es wurde jüngst verkauft, wir erfuhren über Umwege davon. Let’s see.
4
Ausschlüsse und Zensur sind ja nicht per se schlecht. Es gibt Dinge und Sichtweisen, die nicht vereinbar sind, die an bestimmten Orten und in bestimmten Situationen, manchmal sogar ganz allgemein, schlicht falsch sind.