von Esther Horn
Vom Kuratieren der Ausstellung
Actually the Moon looked like this … but was here
Die Magie, die Ausstellungen innewohnen kann, ist – genau wie gute Kunst – schwer zu erklären. Erklärungen haben meiner Meinung nach ohnehin wenig in der Kunst zu suchen, schaden sie doch oft der Poesie. »Wenn ich wüsste, was gute Kunst ausmacht, würde ich es für mich behalten« formulierte in einem wenig bekannten Bonmot einst Pablo Picasso ein ähnliches Unbehagen. Doch umgekehrt ist es auch wahr: Wer es vermag, das Abenteuer des Erlebten in die Poesie des Wortes zu verwandeln, hat ebenfalls Recht.
Es war keine Absicht, sondern Zufall, der uns 6 Berliner Künstler:innen Christel Fetzer, Andreas Helfer, Christian Heilig, Esther Horn, Matthias Mayer und Ila Wingen im Herbst 2023 zusammenbrachte: Während eines Telefonats mit Künstlerkollege Matthias Mayer schaute ich mir parallel seine neueste Serie abstrakter Bilder »The good life« auf seiner Website an, sie gefiel mir ausnehmend gut. Ich fand die sichtbare Verbindung zu vielen meiner Arbeiten aufregend, etwa eine delikate Intensität in chromatischer Hinsicht, sowie den Umgang mit der Setzung von Schwarz. Auch war das freie Spiel im Bildraum und in der Zeichnung relevant.
Wir beschlossen noch im gleichen Gespräch eine gemeinsame Ausstellung, zu der mir zudem sofort Andreas Helfer und Ila Wingen in den Sinn kamen, beide malerische Positionen, die mir schon länger aufgefallen waren. Wir vier gehen trotz deutlicher Unterschiede formal in eine überraschend intensive Resonanz zueinander – das wurde mir genau in diesem Moment klar. Das war faszinierend, hatten wir zum Teil noch nicht einmal Worte miteinander gewechselt. Doch im Berliner Kunst-Äther und auf social media waren uns unsere Bilder präsent. Da, wo Ila Wingen mit vornehmlich Pastelltönen den Bildraum in den Schwebezustand einer mentalen, poetischen Reise bringt, durchpflügt Andreas Helfer den Farbraum mit einem sich selbst setzenden Lot, das, Bildraum behauptend, Form-Erkenntnis beschert. Dies war, anskizziert, der Maßstab der Ahnung, der eine sehr spannende Ausstellung versprach, eine, die uns auch etwas Neues über uns erzählte. Wir erschufen zusammen einen geheimnisvollen Mehrwert, den wir nur durch eine Ausstellung tatsächlich eruieren konnten. Besucher sollten später auf der Eröffnung begeistert Dinge sagen wie: »Die Ausstellung wirkt wie eine Entität, in der sich ihre einzelnen Teile wie eine Formfamilie zueinander verhalten.«
Musiker haben dieses Vergnügen viel öfter, wenn sie in einer Band spielen, und so ähnlich hatte ich das Gefühl: Ich bringe die Band zusammen. Wir freuten uns und stellten unser neues Projekt einigen Institutionen in Berlin und auch deutschlandweit vor. Der Berliner Projektraum glue (geleitet von dem Künstler Dag) lud uns gleich zu Januar 2024 ein, wir sollten den Auftakt des Jahresprogramms bilden. Der interessante space mit langjähriger und hochkarätiger Ausstellungstradition hat seit einigen Jahren eine festen Ort in den unterirdischen Kühl-Katakomben einer ehemaligen Brauerei am Senefelder Platz und könnte beeindruckender kaum sein. Allerdings war schnell klar, dass für diese spezielle Räumlichkeit dreidimensionale Positionen hinzu kommen müssten: Die kathedraleske Weitläufigkeit im Verbund mit einer sakral anmutenden Blickachse auf Hinterwand und deckenhohe Heizinstallation schließt eine einfache, lineare Wandhängung als banal aus. Dieser Raum bringt eine starke Eigensprachlichkeit mit sich, die eine komplexe Kommunikation erfordert. Somit würde es eher eine Ausstellung im malerischen Geiste als der Malerei selbst werden. Dass unser kuratorischer Gleitflug tatsächlich auch eine dreitägige Punktlandung war – keine Ausstellung im »glue« dauert länger als eine Wochenende – machte unsere Projekt immer mehr zu einer Reise.
Die Farbe ist von der Form nicht zu trennen, mir fielen rasch zwei weitere hervorragend geeignete Künstler:innen ein, beide souverän im dreidimensionalen Werk zu Hause, beide mit einem spürbaren ästhetischen Bezug zur Malerei. Während Christel Fetzer dabei in ihren skulpturalen Erfindungen eine von pop-sinnlich schwelgender bis fein-filigraner Verbindung zur Farbe unterhält, lädt Christian Heilig die Farbe eher als special guest ein, um seine elementaren, wuchtig bis hin zu zarten Erforschungen von Raumanordnungen und -eingriffen in eine wohltemperierte Disbalance zu bringen.
Ich sollte mich nicht irren. Wir zogen ein in die tageslichtlosen, unterirdischen Gefilde und in wenigen Tagen und unausgesetzter Leichtigkeit fügten wir dem Tonnengewölbe in Kunstlicht ein Fenster in Form des geistigen Lichts unserer Arbeiten hinzu – gerade so, wie es alle Künstler:innen machen, die ausstellen. Doch wie spezifisch und immer wieder unterschiedlich dies stattfindet, ist ein mindestens ebenso großes Vergnügen, im Ausstellungsbesuch herauszufinden, wie für uns Künstler:innen, es vorher zu erschaffen. Und dann ist es magisch.