1. Vorsitzende und künstlerische Leitung von 1988 bis 1996
Wie hast Du, wie habt Ihr das Programm entwickelt und die Künstler*innen ausgewählt? Es gab ja manchmal auch künstlerische Beiräte.
Das Anliegen war ja primär, den gängigen Zeitgeist aus den Metropolen nach Lüneburg zu holen. Also weg von den gegenständlichen Aquarellmalereien und hin zum Anschluss an den Zeitgeist. Wir haben uns auch um renommierte Leute bemüht, also solche, die an große Museen verkauft haben und die man heute noch dort sehen kann. Dafür hatten wir den künstlerischen Beirat, dessen Mitglieder natürlich Beziehungen zu den Institutionen hatten und zu ihren ehemaligen Hochschulen. Dahin haben wir dann Verbindung aufgenommen und zu den Berliner Galerien, die wir kannten. Wir sind da hingefahren, haben mit den Galeristen gespro-chen und uns auch beraten lassen, was gerade so en vogue ist. Und wir haben viel Unterstützung bekommen. In unserem künstlerischen Beirat waren ja Leute, die selber mal Kunst studiert hatten. Oder sagen wir mal, nicht nur studiert, vielleicht auch damit gehandelt. Wobei – ich will das nicht unterstellen, aber die Realität hat bewiesen, dass Leute auch in so einen Beirat gehen in einem Kunstverein, um ihre eigenen Sachen ausstellen zu können.
Das kennen wir auch.
Ja, und das ist ein ganz schwieriges Kapitel, damit umzugehen. Man will ja auch niemanden vor den Kopf stoßen oder verlieren. Und dann ist es auch interes-sant zu sehen, welche Wege sie gehen, dass sie zum Beispiel berühmte Künstler vorschlagen, die in ihrem Stil malen …
Gab es eigentlich auch Mitgliederausstellungen?
Mitgliederausstellungen gab es nicht, aber es gab Ausstellungen mit Malern, die bei uns im Beirat waren. Ja gut, das waren dann manchmal Künstler, die hängen zwar nicht in großen Museen, sind aber von der Bezirksregierung gekauft worden. Die Bezirksregierung besitzt ja eine Riesensammlung, die hat mich unheimlich interessiert. Ich konnte diese Sammlung einmal in den Katakomben der Bezirksregierung besichtigen. Es wäre total interessant, daraus eine Ausstellung zu machen, zusammen mit den Sachen, die in den Büros hängen.
Ja, da brauchst Du wahrscheinlich viel Platz. Was waren denn Deine Ausstellungs-Highlights, woran erinnerst Du Dich gerne?
Wir haben viele Künstler ausgestellt, die auch überregional von Bedeutung waren. Der erste war Johannes Grützke, der hat ja auch diese großen Bilder da in der Paulskirche gemalt. Also der ist schon sehr berühmt. Und dann haben wir die Wahnsinnsausstellung gewonnen, Stahlskulpturen dieser berühmten Berliner Bildhauer im ganzen Lüneburger Stadtraum. Das war supertoll. Ungefähr solche Arbeiten waren auch auf dem Kurfürstendamm in Berlin vertreten. Wir hätten sehr uns gefreut, wenn die Stadt da was angekauft hätte, daraus wurde aber leider nichts. Dann hatten wir 1987 die Performance, bei der die Künstlerin durch das Schiffshe-bewerk in Scharnebeck geschwommen ist.
Wie habt Ihr das denn damals finanziert, wenn das so renommierte Künstler und Künstlerinnen waren?
Es war doch eher ein kleines Budget, was der Kunstverein von der Sparkasse hatte.
Ja, wir haben immer auch Gelder eingeworben. Also unsere tüchtigen Kassenwarte, die haben beim Landschaftsverband, bei der Sparkasse und auch schon mal bei Privatleuten Geld eingeworben. Bevor das Heine-Haus fertig wurde, waren wir ja im Galeriesaal des Museums. Das war eigentlich eine sehr, sehr schöne Zeit, weil der Leiter dort entsprechende Beziehungen hatte und uns empfohlen hat.
Wie ist es dazu gekommen, dass Du im Kunstverein eingestiegen bist?
Also, ich habe meine Jugend in einer Familie von Malern verbracht und er-lebt, was man dafür tun muss, wenn man von der Malerei leben will. Ich habe sehr früh unterschieden zwischen Künstler und Hobbymaler. Und ich habe immer gedacht, die Künstler müssen unterstützt werden, nicht die Hobbymaler. Ich habe ebenfalls darüber nachgedacht, welchen Auftrag Kunst hat, auch im öffentlichen Raum. Und welchen Auftrag Architektur hat und dass sie mehr ist als nur Gehäuse oder Schmuck, sondern dass Architektur auch immer einen Bezug haben muss zu den gesellschaftlichen Spannungen, Bewegungen, Statements. Ein Abbild dessen sein muss, was die Gesellschaft im Moment bewegt. Und dass man letztlich dann auch Antworten von Kunst und Architektur im öffentlichen Raum erwarten kann …
Wie gesagt, in meiner Jugend war ich sehr bilderaffin. In der Landeszeitung habe ich dann gelesen, dass sich in Lüneburg ein Kunstverein gründet. Ich bin zu der Versammlung in die »Krone« gegangen, da wurde das Projekt vorgestellt und die Posten vergeben. Schriftführer wollte natürlich niemand sein, aber ich habe gedacht, dass ich ein gutes Pendant zu Jürgen Bavendamm wäre und dann habe das Amt übernommen. Einige Zeit später haben wir dann getauscht, »Rochade« hat Jürgen das genannt, da war ich dann Vorsitzende und Jürgen Bavendamm Schriftführer. Das lief alles sehr harmonisch.
Warum hast Du aufgehört oder wann war der Punkt, wo Du gesagt hast, ich mache nicht weiter?
Aus privaten Gründen, familiären Gründen. Wobei ich dann auch gedacht habe, alles hat auch seine Zeit. Ich bin ja auch davon überzeugt, dass gerade junge Menschen so einen Kunstverein machen müssten.
Ja, und sind die Zeiten jetzt ganz anders. Die Herausforderungen sind andere. Wir können uns zum Beispiel alles im Internet angucken – jederzeit und alles.
Das ist schon richtig, dass die Zeit sich gewandelt hat. Sieh mal, ich bin ja ein Kriegskind. Nach dem Krieg bin ich durch zerbombte Städte in die Schule gegangen. Das war alles grau und hässlich, furchtbar und verqualmt und ganz schlimm. Und dann kam Nay und machte diese schönen, farbigen Bilder. Ja, und dann Pi-casso mit seinen abstrakten Werken. Das waren alles Revolutionen! Und daran wollten wir teilhaben! Unser Leben war eng, wir hatten kein Fernsehen, ein Telefon, noch nicht mal ein Radio. Das hat sich jetzt geändert. Ihr könnt ja in jedes Museum, Ihr könnt heute im Louvre vorbeischauen und morgen im Prado. Das ging bei uns nicht.
Darum kann ich das auch verstehen, dass man jetzt mehr Ausstellungen mit Künstlern aus der Region machen will. Es gibt ja ohnehin diese Hinwendung zum Regionalen, da ist es doch schön, wenn sich das auch auf die Künstler bezieht und man ihnen so die Chance gibt, ausgestellt zu werden.
Dann denkst du gerne an die Zeit zurück im Kunstverein?
Ja, es war schön. Ich habe mich mit vielen Menschen sehr gut verstanden und viele tolle Gespräche geführt, auch mit den Referenten. Es war eigentlich ganz, ganz toll.
Das Interview führten Angela Schoop und Hanna Zeyen