Ein Grußwort von Franziska Reinbothe
TRUNK hieß die Gruppenausstellung, zu der mich mein Kollege Sebastian Dannenberg 2017 im Zuge seines Takeovers einlud und mich mit dem Kunstverein Lüneburg bekannt machte. Nicht nur der ungewöhnliche Standort (ein still gelegtes Bowling-Center), sondern vor allem das ausgesprochen progressive Ausstellungsprogramm beeindruckten mich stark. Ich blieb mit Angela Schoop als Leiterin des Kunstvereins Lüneburg in regelmäßiger Verbindung. Zwei Jahre später lud sie mich zu meiner eigenen Einzelausstellung bei genauer Betrachtung ein, bevor ich 2021 mit einem Takeover meinerseits für den Kunstverein Lüneburg am jetzigen Standort drei Duo-Ausstellungen über das Ineinandergreifen von Malerei und Skulptur kuratierte. Dass unserer ersten Begegnung eine solch intensive Zusammenarbeit folgen sollte, hatte ich keineswegs erwartet.
Als KünstlerIn mit einem Kunstverein zu kooperieren heißt, sich in einem institutionellen Schutzraum zu bewegen. Die Gewichtung der Kunstvereinsarbeit liegt nicht im Verkauf der Kunstwerke (der zweifelsohne Teil unseres Berufes ist), sondern gleichermaßen in dem Anspruch wie in der Verantwortung, ein eigenlogisches Ausstellungs- resp. Veranstaltungsprogramm zu planen, umzusetzen und nachvollziehbar zu vermitteln. In diesen Kooperationen können wir KünstlerInnen und KuratorInnen freier und mutiger vorgehen. Bevor ich Angela Schoop die ersten Ideen für meinen Takeover vorstellte, habe ich berufsbedingt zwar eine erhebliche Anzahl an Ausstellungen gesehen und selbständig umgesetzt, aber bis dahin nie im Sinne eines aufeinander aufbauenden, einjährigen Programms kuratiert. Ich bekam von ihr in der inhaltlichen Ausarbeitung viel Vertrauen zugesprochen und konnte die teilnehmenden KünstlerInnen ausschließlich nach meinem kuratorischen Ermessen auswählen. Soviel zur Freiheit und zum Mut – und zwar auf beiden Seiten.
Doch ein freies und mutiges kuratorisches Vorgehen allein führt nicht zwangsläufig in ein gelungenes Ausstellungsprogramm – solange es nicht von der Neugier begleitet wird. Sie ist während meines Takeovers meine treibende Kraft gewesen. In meiner eigenen Praxis gelange ich durch Neugier in eine stete Weiterentwicklung meiner Bilder, aber v.a. in den gezielten Austausch mit KollegInnen. Und in einem tragenden Netzwerk sehe ich den wesentlichen Bestandteil unseres Berufes – denn es ist ein Beruf, der nur im Austausch mit und durch Unterstützung von vielen professionell zu meistern ist! Seit meinem Takeover weiß ich allerdings, dass dies ebenso auf die Arbeit des Kunstvereins Lüneburg zutrifft. Dessen organisatorischer Betrieb funktioniert deshalb so gut, weil er über ein aktives Netzwerk aus teils ehrenamtlichen Mitgliedern, aus Unterstützer:innen und aus kommunaler und regionaler Förderungen verfügt. Auf kuratorischer Ebene schöpft der Kunstverein Lüneburg aus der Zusammenarbeit mit den eingeladenen KünstlerInnen seinerseits neue Impulse für zukünftige Projekte, indem Empfehlungen für KollegInnen ausgesprochen oder weiterführende Kontakte zu beispielsweise KuratorInnen oder ProfessorInnen aufgebaut werden. Damit wird offensichtlich: Durch das Zusammenknüpfen einzelner Maschen oder gar ganzer Stränge ihrer Netzwerke verantworten die eingeladenen KünstlerInnen und der Kunstverein Lüneburg zu gleichen Teilen eine Win-Win-Situation, die ihre jeweilige künstlerische und kuratorische Praxis nachhaltig erweitert. Lasst uns also unbedingt neugierig bleiben!