
von Hanna Zeyen
Im Sommer durch einen Wald laufend ist neben Autobahnen und Vogelgesang hin und wieder ein lebendiges Knistern zu hören. Höchst energetisch doch kaum wahrzunehmen, erzeugt von Tausenden von Beinen, die trockenes Laub und Fichtennadeln schichten und einander und den Boden betrommeln. Beim Bau von Autobahnen und Großprojekten dürfen bedrohte Arten wie die Rote Waldameise im Vergleich zu vielen anderen nicht einfach weggebaggert werden. Daher werden die Ameisen von speziell dafür ausgebildeten Fachleuten umgesiedelt. Große behandschuhte Hände nähern sich dem imposant aus dem Waldboden ragenden, knisternden und flimmernden Hügel. Sobald sie ihn berühren wird der Handschuh von Mandibeln zerlöchert, schießt Ameisensäure durch die Luft. Aber die Handschuhe graben und zerstreuen das sorgsam durchtunnelte Material, vermischt mit Insektenkörpern unterschiedlicher metamorphischer Stadien in papierne Beutel. Eine Blindschleiche, die sich in einem warmen Nestwinkel zum Schlafen eingerollt hatte, schlängelt schnell davon. Zum Schluss kommt eine Axt zum Einsatz, die den hölzernen Nestkern aushebt. Die Säcke mit Nistmaterial und zerfressenem Baum werden verladen und an einen anderen Ort gebracht, sorgsam ausgewählt für die Lebensbedingungen der Ameisen: geeignetes Nistmaterial und vor allem die Baumläuse, die den Honigtau abgeben, von dem die Waldameisen überwiegend leben. Dort wird nun der imposante Haufen wieder in Ordnung gebracht, eine Infrastruktur hergestellt, das Ameisenleben fortgeschrieben, bis der nächste Großeigentümer sein Bauvorhaben anmeldet.
Es krabbelt am Boden, es kribbelt auf der Haut: Ist es ein Haufen, ein Schwarm, eine Masse, eine Gemeinschaft, ein Volk, eine Gesellschaft, ein Staat, eine Kolonie, eine Metropole, ein Superorganismus? Bei jeder dieser Bezeichnungen geht es um die Organisation von Zusammenleben, geht es immer auch um Modelle der Zusammenarbeit. Von einem Verein der Ameisen hat bisher noch niemand gesprochen, und das hat Gründe.
Brutpflegende Ammen, nestverteidigende Soldatinnen, nahrungsbeschaffende Jägerinnen, läusemelkende Arbeiterinnen, tunnelnde Architektinnen, gärtnernde Pilzbetreuerinnen, leichentragende Friedhofspflegerinnen, eierlegende Königinnen und kurzlebende Drohnen erhalten das Leben im Ameisennest. Die menschlichen Namen für verschiedene Formen und Funktionen des Zusammenlebens werden durch die Bezeichnung auf die Ameisen übertragen. Das erscheint schlüssig, da sowohl das Überleben der Ameisen, als auch der Menschen von ihrem Zusammenschluss zu Gesellschaften und Arbeitsteilung abhängt. Das Bild wird anschließend zurück auf die menschliche Gesellschaft projiziert. Niels Werber geht den Pheromonspuren nach, die die Ameisen in der menschlichen Metapherngeschichte hinterlassen haben1. Denn auf diesen metaphorischen Transportwegen zwischen menschlicher und ameisischer Gesellschaft wird viel Unausgesprochenes mitgenommen und zurückgelassen.
Die körperlichen Eigenschaften bestimmen die Aufgaben der einzelnen Ameise, ihre Arbeitsteilung ist also trotz möglicher Anpassungen biologisch vorgegeben. Auch Probleme der gleichmäßigen Verteilung finden sich bei Ameisen biologisch gelöst: Sie haben beispielsweise einen Sozialmagen, gewissermaßen ein Vor-Magen. Die einzelne Ameise verhungert, falls sie nicht etwas von ihrer Nahrung an eine andere Ameise weitergibt. Der Wunsch, Probleme der Verteilung, der Arbeit und der Gerechtigkeit auch für Menschen biologisch lösen zu wollen, führt auf direktem Wege in den Sozialdarwinismus. Die sozialdarwinistische Lehre erhob den Ameisenstaat zum Idealbild menschlichen Zusammenlebens. Die Opferbereitschaft für das Volk und das Auslöschen von Individuen zugunsten von einheitlichen und hochfunktionalen Arbeiter:innen sollten eine glorreiche Zukunft des deutschen Volkes herbeiführen. Der Einzelne ist nach dieser Ideologie immer ein Arbeiter als Vertreter der Gemeinschaft, genauso wie die Gemeinschaft bruchlos für den Einzelnen steht. Der rechte Vordenker Ernst Jünger beschreibt diese Form der Gesellschaft als „ameisenartig“2. So zutreffend die Beobachtung des Ameisenstaats sein mag, die Konsequenzen der Anwendung dieses Bildes auf die menschliche Gesellschaft finden sich im Nationalsozialismus realisiert.
Einzelne Ameisen tragen andere zu einem neuen Nistplatz, der den alten ablösen könnte. Diese laufen zurück und verstärken die hinterlassene Pheromonspur, der wieder andere Ameisen folgen werden. Falls sie den neuen Platz für geeignet halten, animieren die Rückkehrenden die anderen Ameisen durch anrempeln oder tragen, ihnen zu folgen. Die Umzugsentscheidung wird häufig als Beispiel dafür herangezogen, dass Ameisengesellschaften in der Lage sind, intelligente und kollektive Entscheidungen zu treffen, die an demokratische Wahlen erinnern. Heute werden verschiedene Ansätze entwickelt, die Ameisengesellschaft als positives Idealbild im emanzipatorischen Sinne zu wenden. Für Michael Hardt und Antonio Negri3 gilt sie beispielsweise als ein basisdemokratisches, partizipatives und hierarchiefreies Netzwerk, weswegen sie die Organisationsform des Schwarms als »Multitude« zum neuen revolutionären Subjekt erheben, das die Arbeiterklasse ablöse. Was bei Übertragungen dieser Art jedoch nicht aufgehen kann, ist das Problem der Steuerung.4 Denn was sich als führungslos und kollektiv darstellt, basiert auf dem Prinzip der Nachahmung, nicht auf bewusster Wahl. Das kann fatale Konsequenzen haben, wie das ant milling, eine Todesmühle, bei der die einander folgenden Ameisen sich bis zum Erschöpfungstod im Kreis hinterherlaufen. Die im Schwarm entstehende Intelligenz ist eine kollektive, das heißt aber nicht, dass alle sie besitzen, sondern dass sie sich eben erst zusammenfügt, indem die Einzelnen das Ganze nicht überschauen. Die zugrundeliegende Ordnung des Schwarms ist intelligent, die Einzelnen in ihm intelligent automatisiert. Der Einzelne im vermeintlich hierarchiefreien Netzwerk ist also nicht weit entfernt von der Gestalt des Arbeiters, wie Ernst Jünger ihn sich vorstellte: »von einer wunderbaren Einheit und schicksalsmäßigen Geschlossenheit. So wird sie uns zuweilen offenbar, in Augenblicken, in denen kein Zweck und keine Absicht die Besinnung stört – als ruhende und vorgeformte Macht.«5
Längst werden Untersuchungen von Ameisen in ihrem Schwarmverhalten in Simulationen für Konsum- und Wahlverhalten auf Menschen übertragen. Ergebnis ist der ANT-Algorithmus, der Online-Kund:innen Produkte der Kategorie »andere, die diesen Artikel kauften, kauften auch …« vorschlägt. Schwärme sind das Wunschbild jeder Marketingabteilung von Großkonzernen, das auf uns alle angewendet wird und seine Wirkung zeigt.
Das Bild des Ameisenschwarms reicht schnell an seine Grenzen, es kann im Sinne jeder möglichen Gesellschaftsform metaphorisch mobilisiert werden, die ihre Ordnung rechtfertigen will. Der Ameisenstaat kann für die Monarchie, für das Matriarchat, für den nationalsozialistischen Staat, für eine Basisdemokratie und viele weitere stehen. Das, was diese metaphorischen Übertragungen leisten können, ist jedoch immer nur eine Naturalisierung der Form, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren. So sehr die Mechanismen im Ameisenschwarm an unsere heutige Gesellschaft erinnern mögen, bleibt doch ein fundamentaler Unterschied bestehen; die menschliche Gesellschaft wird von Menschen selbst eingerichtet.
Das, was selbstorganisierte Arbeit in Vereinen leistet, ist eben keine Automatisierung im hochfunktionalen Netzwerk, sondern das versuchte Einwirken in ein ansonsten dem Einzelnen abgeschlossen, und in seiner Gesamtheit und Komplexität unverständlich, gegenüberstehenden politischen und wirtschaftlichen System. Zu versuchen, seine Mechanismen gemeinschaftlich zu durchschauen und einen gesellschaftlichen Lebensbereich tatsächlich selbst zu organisieren: das heißt eine unaufhörliche Arbeit daran, bewusste kollektive Entscheidungen zu treffen. Ein selbstgewähltes Ziel mit selbstgewählten Mitteln in einer Gemeinschaft zu verfolgen. Denn was übrig bleibt, jenseits von Gesellschaftsvorstellungen und Arbeitsmetaphorik, sind die wirklichen Orte und die Menschen, die dort zusammenarbeiten.
Zum Ende des Jahres 2023 verließen alle Gruppen und Initiativen unter dem Dachverein »Unsere Welt – für Frieden, Umwelt, Gerechtigkeit e.V.« gezwungenermaßen ihr langjähriges Zuhause. Als Zentrum sorgte das gemeinschaftliche Gebäude in der Katzenstraße für Austausch zwischen den Aktiven unterschiedlicher Gruppen, Ressourcen konnten geteilt und Wissen und Erfahrung weitergegeben werden. Alle bis dahin durch selbstverständlich vorhandene Infrastrukturen gewährleisteten Möglichkeiten erfahren nun im Nachhinein eine besondere Wertschätzung. Ohne einen gemeinsamen Ort geht der Überblick darüber verloren, wer noch dabei ist, archivieren keine gemeinsamen Abstellräume das bisher Unternommene. Es muss auf private Räume, Adressen und Ressourcen zurückgegriffen werden, was vorher von einer professionellen Infrastruktur abgedeckt wurde. Die Initiativenarbeit ist schwieriger geworden und die Mitglieder entschieden, den Dachverein wegen erschwerter äußerer Bedingungen aufzulösen. Die Suche nach einem Ort, an dem die Vereinsarbeit fortgeführt und die Initiativen bleiben können, geht weiter.
1
Werber, Niels: Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2013.
2
Jünger, Ernst. Sämtliche Werke. Werkausgabe in 22 Bänden, komplett / Der Arbeiter: Essays II. Klett-Cotta, 1981, S.21.
3
Hardt, Michael, und Antonio Negri. Multitude: Krieg und Demokratie im Empire. Übersetzt von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn, 1. Aufl., Campus, 2004.
4
Außerdem gibt es verschiedenste Formen des Sozialparasitismus, bei dem es zur Versklavung eines Ameisenstaats durch einen anderen kommen kann. Die Amazonen-Ameisen beispielsweise wären ohne ihre versklavten Arbeiterinnen aus der Gattung der Waldameisen nicht mehr überlebensfähig. Auch hier eröffnen sich Komplikationen, wenn Schwärme als positives Leitbild herhalten sollen. Die oft gewaltvollen Beziehungen zwischen verschiedenen Schwärmen werden hier selten miteinbezogen.
5
Jünger, Ernst. Sämtliche Werke. Werkausgabe in 22 Bänden, komplett / Der Arbeiter: Essays II. Klett-Cotta, 1981, S. 22.