
von Sven Nommensen
»Die Begeisterungen der Dichter und Künstler sind von jeher der Welt ein großer Anstoß und Gegenstand des Streites gewesen. Die gewöhnlichen Menschen können nicht begreifen, was es damit für eine Bewandtnis habe, und machen sich darüber durchaus sehr falsche und verkehrte Vorstellungen.«
W. H. Wackenroder und L. Tieck1
In »Raffaels Erscheinung« beschwört Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773 – 98) das höhere Wesen im Künstler; ja, er setzt es sogar gleich mit religiöser Eingebung und findet die ideale Verkörperung dieser Merkmale in Raffael (1483 – 1520). Allein einige Menschen verkennen seiner Meinung nach die »wundersame Inkarnation der Kunst«2. Da sind auf der einen Seite die »Theoristen und Systemiker, die […] mit ihr eiteln und profanen Philosophasterei umschreibende Worte zusammengesucht haben für etwas, wovon sie den Geist, der sich in Worte nicht fassen läßt und die Bedeutung nicht kennen.«3 Auf der anderen Seite »ungläubige und verblendete Spötter, welche das Himmlische im Kunstenthusiasmus mit Hohnlachen gänzlich ableugnen […].«4 Beide Auffassungen verurteilt Wackenroder mit Verve und lenkt den Streit der Positionen in göttliche Bahnen.
Die oben zitierte Passage lässt sich mithin auch auf gegenwärtige Situation von Kunstvereinen im Allgemeinen und des Kunstvereins Buchholz im Besonderen übertragen, führt sie doch die wesentlichen Protagonisten an, die an einem Kunstverein teilhaben: die Kunst bzw. die Künstler*in auf der einen und den »gewöhnlichen Menschen«, die Besucher*innen auf der anderen Seite. Die »Kümmerer«, also das Team des Kunstvereins, komplettieren die kunstinteressierte Personage.
Zunächst zu den Künstler*innen: Während Wackenroder in seinem Aufsatz am Beispiel von Raffael, »welcher die leuchtende Sonne unter allen Malern ist«, hervorhebt, dass angesichts seiner schöpferischen Virtuosität »es doch geradezu auf nichts anderes als den unmittelbaren göttlichen Beistand ankomme«, werden in der heutigen Ausstellungspraxis andere Parameter angelegt. So reicht die Bandbreite von bescheiden und behutsam auftretenden bis hin zu überaus selbstbewussten, teilweise überheblichen Künstler*innen. Letztere scheinen vergessen zu haben, dass die (Kunst-) Welt nicht unbedingt auf sie gewartet hat. Die Qualität des Eigentlichen, nämlich der Kunst, hängt mit oben genannten Charakteren in keinster Weise zusammen und bedingt auch keine Korrelation in die eine oder andere Seite.
Dennoch: Grosso modo wissen die Künstler*innen die bescheidenen Möglichkeiten des Kunstvereins und das Engagement seiner Mitglieder zu schätzen. Verbindend für beide Seiten ist nicht zuletzt die Tatsache, dass sich die Beteiligten in einem ähnlichen Umfeld bewegen und Ihrer jeweiligen Tätigkeit mit großer Leidenschaft nachgehen.
Noch bevor die Entscheidung für oder gegen eine Künstlerin, einen Künstler gefallen ist, sind die persönlichen Begegnungen mit ihnen von besonderem Reiz, gleichen sie doch einem Sprung ins Ungewisse. Obwohl im Vorwege die Werke von Ausstellungen oder Katalogen bekannt sind, vervollständigen sich Eindrücke, konkretisieren sich Vorstellungen erst im unmittelbaren Kontakt mit den Künstler*innen, vorzugsweise im Atelier. Hier kann man sich tastend und fragend in den jeweiligen Kunst-Kosmos vorwagen, es eröffnen sich Gelegenheiten, Fragen zu stellen, deren Antworten sich nicht unmittelbar aus den Arbeiten erschließen, Kontexten und Intensionen kann man auf den Grund gehen. Erst das Hineinversetzen in die Persönlichkeit hinter dem künstlerischen Werk; erst das Wissen um die Motivation, erst das Gewahr werden einer Vision schafft die Voraussetzung, die Künstlerin, den Künstler für eine Einladung zu einer Ausstellung im Kunstverein in Betracht zu ziehen.
Diese Begegnungen im Maschinenraum der Kunst entschädigen übrigens für das zeitweise mühsame Kunstvereins-Alltags-Geschäft, wie Adressenlisten pflegen, Flyer verteilen, Raum streichen, für Vernissagen einkaufen; Unterkünfte für Künstler*innen buchen, Transporte organisieren, Anträge auf Förderung stellen, Finanzpläne erstellen, Aufsichten organisieren …
Nun zur anderen Seite des Kunstvereins: den Kunstinteressierten. Auch hier ist die Spannbreite groß: von dankbaren und aufgeschlossenen Besucher*innen bis hin zu Gästen, die sich von Kunst provoziert fühlen. Für letztere Kategorie mag ein Vorfall symptomatisch sein: Kommt der Besucher in den Ausstellungsraum, wendet sich direkt an die Aufsicht und sagt ihr ins Gesicht: »Ich wollte Ihnen nur ’mal sagen, dass das hier mit Kunst nichts zu tun hat« und verschwindet sogleich wieder.
Angesichts dieses Vorfalls fühlen wir uns einerseits bestätigt, billigte Werner Hofmann moderner Kunst doch die Eigenschaften »Provokation«, »Experiment«5 sowie Frag-würdigkeit [sic!]6 zu. Allein der ehemalige Leiter der Kunsthalle Hamburg stellt keine Thesen über mögliche Reaktionen von Seiten der Kunstbetrachtenden auf, aber in Kunstvereinen und ähnlichen Institutionen, so könnte man Hofmann soufflieren, führen die zugeschriebenen Eigenschaften zu ähnlichen Reaktionen wie oben beschrieben oder entsprechenden Bemerkungen im Besucherbuch.
Andererseits freuen wir uns über Besucher*innen, die wir für unser Programm begeistern, die wir an den Verein binden können. Noch größere Genugtuung empfinden wir, wenn wir skeptischen oder voreingenommenen Interessierten vermitteln, dass es sich lohnt, sich auf das Abenteuer zeitgenössische Kunst einzulassen.
Vor diesem Hintergrund bemüht sich der Kunstverein Buchholz, mit weiteren Angeboten Interesse für Kunst zu wecken: Kunstreisen zu großen Ausstellungen samt All-Inclusive-Paket; Kreativ-Workshops, Sommerfest mit Grillwürstchen, Kartoffelsalat und Musik, Filmvorführungen, Vorträge – mit verschiedenen Formaten sprechen wir unterschiedliche Zielgruppen an.
Aber die Bemühungen drehen sich nicht nur um die Besucher. Im Laufe der Jahre wird es zunehmend schwieriger, ehrenamtlich Tätige zu begeistern, sei es für die Übernahme von Aufsichtsdiensten oder gar für die aktive Tätigkeit im Kunstverein. Es mag ein wenig abgegriffen klingen, aber die Generation der Bildungsbürger*innen stirbt aus, davon sind wir konkret betroffen. Neue Besucher*innen, jüngere Mitstreiter*innen zu gewinnen – das ist eine der großen Herausforderungen, vor die wir uns gestellt sehen.
Am Ende zurück zu Wackenroder: bekanntermaßen war der 1773 in Berlin geborene Dichter ein maßgeblicher Vorreiter der Romantik. Künstler und Kunst betrachtete er »als eine Art zweiter Offenbarungsquelle des Göttlichen im Menschen. […] Die Kunst redet nach Wackenroder eine göttliche Sprache, aber sie spricht sie ›durch Bilder der Menschen‹, offenbart also das Jenseitige in einer verdiesseitigten Hieroglyphenschrift. Sie zeige uns das ›Unsichtbare […] in menschlicher Gestalt‹.«7 Die romantische Kunstästhetik fordert eine Rezeptionshaltung, die in die Kunstwerke ›hineingeht‹ mit, wie es heißt, ›entgegenkommendem Herzen‹ und die dann im Ich weiterwirken, wie eine brennenden Ölflamme.«8
Selbstredend leben wir heute in einer anderen Zeit. Die Romantik haben wir längst hinter uns gelassen, die Sprache hat sich gewandelt und mittlerweile haben wir ein gänzlich anderes Verhältnis zur Kunst, zum Bild im Allgemeinen. Dennoch: bei allen Mitwirkenden brennt eine Flamme – für die Kunst, für den Kunstverein. Dieses Bonmot mag als romantische Haltung aufgefasst werden; man könnte es auch despektierlich ausdrücken: als naive oder ahnungslos-optimistische Einstellung. Aber die Flamme des Enthusiasmus brennt bei allen Beteiligten, bei Künstler*innen und bei Mitgliedern des Kunstvereins. Bei so mancher Besucherin, manchem Besucher konnte die Flamme ebenfalls entzündet werden. Und wir hoffen, dass der Funke auch in Zukunft einige Male überspringt.
1
Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck: Raffaels Erscheinung. In: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, Berlin, 1797, Stuttgart 1979,
S. 7 –11, S. 7.
2
Richard Benz: Nachwort. In: Ebd., S.125 –135, S. 134.
3
Herzensergießungen, S. 7.
4
Ebd., S. 8.
5
Ders.: Die Grundlagen der modernen Kunst, Stuttgart 1987, S. 12.
6
Ebd., S. 22.
7
Silvio Vietta: Fiorillo und Wackenroder – Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Kunstanschauung. In: Antje Middeldorf Kosegarten (Hg.): Johann Domenicus Fiorillo. Kunstgeschichte und die romantische Bewegung um 1800, S. 180 –193, S. 192.
8
Ebd., 193.