
von Katja Bustorff
Ich habe mich immer über den Gegensatz im Begriff »Kunstverein« amüsiert. Der Verein, das ist so etwas typisch deutsches, da klingt gleich der Schützen- und der Kleingartenverein mit und der Vereinsmeier wartet schon an der Ecke, um zu kontrollieren, ob alles ordnungs- und satzungsgemäß abläuft. Daneben die freie Kunst, deren Wesen von Provokation, Grenzüberschreitung und Regelbruch lebt. Wie geht das zusammen?
Vielleicht haben wir es hier mit den zwei Extremen zu tun, die am Ende doch ganz nah beieinander sind. Das simple Konstrukt eines Vereins, die trockene Zweckmäßigkeit und die unerschütterliche Satzung schaffen einen riesigen Freiraum für Experimente. Nur den Mitgliedern verpflichtet – und keinerlei kapitalistischen Erfolgszwängen – kann im Kunstverein nach Lust und Laune geforscht, ausprobiert und auch gescheitert werden. Es entsteht eine Art kultureller »safe space«, der durch die Abwesenheit von Einschränkungen unversehens auf die Avantgarde verweist. Der Verein als Nährboden für die Avantgarde, das finde ich doch ziemlich amüsant – und irgendwie logisch!
Dieser Moment des Subversiven, des Unterwanderns herrschender Strukturen wohnt dem Kunstverein, wie allen anderen Vereinen, tatsächlich von Beginn an inne. Die ersten Vereine in Deutschland wurden bereits im 18. Jahrhundert gegründet, die ersten Kunstvereine zwischen 1800 und 1840. Das aufstrebende Bürgertum wollte Kunst und Kultur nicht länger dem Adel überlassen, letztlich ging es auch um die Demokratisierung der Kulturproduktion. Damit folgten die Kunstvereine, die bald in allen großen, deutschen Städten zu finden waren, dem ursprünglich revolutionären Gedanken eines Vereins: Menschen organisieren sich unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Stand, um gemeinsame Interessen, Themen, und Leidenschaften zu verfolgen.
Das Erfolgsmodell des Vereins – Bindung über Mitgliedschaft und Verpflichtungen in Kombination mit der Möglichkeit, jederzeit wieder austreten zu können – ist bis heute unerreicht. Im Prinzip lässt sich jeder erdenkliche Zweck mit dem Verein ohne allzu großen Aufwand dauerhaft und angemessen organisieren. Bei näherer Betrachtung ist jeder Verein so eine Art Miniatur-Demokratie. In der Gruppe wird verhandelt und gewählt, es werden Ämter besetzt, es wird diskutiert und um Entscheidungen gerungen, es werden Kompromisse gefunden, alles wie im richtigen Leben, aber – und jetzt schaue ich wieder auf den Kunstverein - noch besser: unterschiedlichste Menschen kommen miteinander ins Gespräch, sie feiern zusammen, lernen neue Perspektiven kennen und erleben in der Auseinandersetzung mit Kunst auch eigene Widerstände bis hin zur Ablehnung… das auszuhalten, ist gar nicht so einfach, besonders heute, wo viele Menschen sich vorwiegend in ihren »bubbles« aufhalten.
Die Kunstvereine bieten echte Teilhabe an, weg vom bloßen Konsumieren. Anders als in Museen oder Galerien, wo die Besucher:innen wahlweise einsam mit auf dem Rücken verschränkten Händen durch die Säle wandeln oder vorsichtig auf das DIN A4-Blatt mit den Preisen linsen, haben sie im Kunstverein die Möglichkeit, sich einzubringen. Über das Programm diskutieren, beim Aufbau helfen, Gäste bewirten, Aufsicht führen, mit Besucher:innen sprechen und dabei ganz nebenbei ein Gespräch mit der Künstlerin führen – all das führt mit Sicherheit zu einem umfassenden, alle Bedürfnisse befriedigenden Kunst-Erleben.
Ich weiß, dass die Anzahl der Menschen, die sich im Verein organisieren, seit Jahren rückläufig ist. Es gibt eine allgemeine Tendenz weg von der Verbindlichkeit und dem Engagement, die es für die Aufrechterhaltung eines Vereins braucht. Parallel haben die Erwartungen und die Anforderungen, die an einen Verein gestellt werden, in den letzten Jahren immer mehr zugenommen und viele Menschen scheuen sich, einen Posten zu übernehmen. Das ist so schade! Ich habe mich mit diesem Beitrag selber in eine totale Begeisterung für das Organisationsmodell Kunstverein geschrieben. Ich habe sogar nachgesehen, ob er vielleicht schon den Status des immateriellen Weltkulturerbes hat und tatsächlich – 2021 wurden Kunstvereine in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen. Recht so! In der Begründung hieß es, dass die Kunstvereine eine wichtige gemeinwohlorientierte Trägerfunktion in der praktischen Vermittlung ästhetisch-kultureller Bildung besetzten und ihre Vielfalt maßgeblich zur Diversität der Kunstlandschaft und Gesellschaft beitrage.
Ich bleibe also zuversichtlich. Vereine gibt es schon lange, ich glaube, es wird sie noch lange geben. Und vielleicht werden ausgerechnet die Kunstvereine noch ein Revival erleben, denn sie sind genau die Bollwerke, die wir heute brauchen: nicht nur als »safe space« für das kulturelle Experiment, sondern als sichere Orte für Austausch, Vielfalt und Widerstand gegen jegliche Form der Vereinnahmung, kurz: der gelebten Demokratie.