
von Lana Bartusch & Prof. Dr. Boukje Cnossen
Jede Woche treffen sich die Mitarbeitenden des Kunstvereins im Büro von Angela und Max, direkt neben dem Ausstellungsraum. Ich setze mich auf einen quietschenden Stuhl, der gerade neu geleimt wurde. Auf dem großen Holztisch stehen Kannen mit Tee und Kaffee sowie ein Teller mit Croissants. An der Seite liegen die Flyer der kommenden Ausstellung, das Buch zur letzten documenta und die aktuelle Ausgabe der artline. Der Drucker piept, und vor dem großen Fenster hält, wie jeden Freitagmorgen, der Lieferwagen des benachbarten Dönerladens. Hier sitzen wir zusammen, diskutieren, scherzen und organisieren.
Dieser kurze Auszug beschreibt eine alltägliche Szene aus unserer Forschung im Kunstverein Lüneburg. Seit Anfang des Jahres begleiten wir, Boukje Cnossen und Lana Bartusch, im Rahmen eines Transferprojekts1 den Kunstverein und widmen uns dabei dem alltäglichen Organisieren, das oft im Schatten der künstlerischen Arbeiten im Verborgenen bleibt.
Künstlerische Herangehensweisen in der Forschung
Initiiert wurde unsere Zusammenarbeit schon im Jahr 2020 von Max Weinland und Boukje Cnossen. Es entstanden drei Seminarprojekte, die Masterstudierenden in den Jahren 2020, 2021 und 2022 ermöglichten, wissenschaftliche Theorie mit praktischer Arbeit zu verbinden. So entwickelten die Studierenden die Zeitung »The Window« sowie die Ausstellungen »What is to be done?« und »Are we okay?«. Jenseits universitärer Grenzen experimentierten sie mit Formen der Wissensproduktion und erhielten die Möglichkeit, ihre Ideen, Perspektiven und ihre Kritik in den Raum des Kunstvereins zu tragen. Im Studium entsteht oft der Eindruck, dass wissenschaftliche Arbeit aus dem Schreiben von Hausarbeiten besteht. In den Seminaren zeigte sich, wie viele Formen sie annehmen kann – von der Fotografie, bis zur Installation. So ging es auch Boukje Cnossen, die selbst als Bachelorstudentin erstmals Erfahrungen mit Artistic Research Projekten gesammelt. Damals war sie Teil eines interdisziplinären Programmes der Gerrit Rietveld Akademie und der Universität von Amsterdam, in welchem Studierende der Geisteswissenschaften und der Kunstakademie zusammenarbeiteten. Seither begleiten sie künstlerische und kreative Ansätze – so auch in der Lehre mit dem Kunstverein. Gleichzeitig formten die, in dieser Zusammenarbeit entstandenen, Diskurse den Grundstein für das gegenwärtige Forschungsprojekt.
Der Kunstverein als Forschungsraum und Schnittstelle
Die »akademische Blase« zu verlassen und sich mit Räumen zu befassen, die das künstlerische Untersuchen in den Mittelpunkt stellen, bietet ein großes Potenzial für die Forschung. Auch Lana Bartusch hat im Masterstudium an einem der Seminare von Boukje Cnossen teilgenommen. Heute forscht sie, anknüpfend an diese Erfahrung, an der Schnittstelle von Kunst und Organisation. In ihrer Forschung interessiert sie sich besonders dafür, wie mit Praktiken des Organisierens und der Zusammenarbeit experimentiert werden kann. Dabei untersucht sie auch affektive und atmosphärische Aspekte des Raumes und arbeitet mit ethnographischen Zeichnungen2.
Der Kunstverein ist für uns nicht nur ein Ort der künstlerischen Praxis und Kuration, sondern auch ein lebendiger Forschungsraum. Er ermöglicht gemeinsame Reflexion und kontinuierlichen Austausch mit einer Vielfalt von Menschen. Wir verstehen die Elemente des Kunstvereins, wie Ausstellungen, aber auch alltägliche Interaktionen und Diskussionen als Boundary Objects – oder Grenzobjekte3, welche verschiedene soziale Welten mit wissenschaftlichen Fragestellungen zusammenbringen. Sie sind Schnittstellen, die den Austausch zwischen Akteur*innen, Perspektiven und Praktiken ermöglichen und das Rahmenwerk eines fortwährenden Diskurses bilden. Gerade in dem politischen Klima der Gegenwart sind der demokratische und übergreifende Austausch, den der Kunstverein fördert, unverzichtbar. Wir möchten für das Zusammenbringen von Kunst und Forschung ermutigen und blicken schon jetzt freudig und gespannt darauf, wie wir auch in Zukunft gemeinsam mit neuen Formen der Wissensproduktion experimentieren werden.
1
Die Leuphana Innovation Communities sind ein Transferprojekt der Leuphana Universität Lüneburg, in dem mit Praxispartner*innen zusammengearbeitet wird, um Transformationsprozesse erfolgreich zu bewältigen. Der Kunstverein Lüneburg ist Kooperationspartner der Teilcommunity »Kunst und Kultur«.
2
Ethnographie ist eine Forschungsmethode, welche mit teilnehmender Beobachtung und sogenannten dichten Beschreibungen arbeitet. Ethnograph*innen tauchen dabei in die Lebenswelten und Praktiken der Beforschten ein, um alltägliche Sinnstrukturen spezifischer Gruppierungen zu verstehen. Vgl. Ybema, S., Yanow, D., Wels, H., & Kamsteeg, F. (2009). Studying everyday organizational life. In: Ybema, et al. (Eds.), Organizational Ethnography. London: Sage, 1– 20.
3
Boundary Objects oder Grenzobjekte sind Konzepte oder Artefakte, die von verschiedenen sozialen Gruppen verwendet werden können, um zusammenzuarbeiten. Sie sind flexibel genug, um unterschiedliche Interpretationen zu ermöglichen, aber robust genug, um eine gemeinsame Referenz zu bieten. Vgl. Star, S.L. & Griesemer, J. (1989). Institutionnal ecology, »Translations«, and Boundary objects: amateurs and professionals on Berkeley’s museum of vertrebate zoologie. Social Studies of Science, 19(3), 387– 420.