
Eine Einleitung von Max Weinland
Wir reden fast täglich über all die Dinge, die hier zu tun sind, schreiben Aufgaben auf Schmierzettel, machen Listen, Tabellen, Stapel und Haufen. Oft gibt es Anlässe, uns auch über Arbeit insgesamt zu unterhalten. Wenn mal wieder zu wenig Kapazitäten frei sind, sich um dringende und wichtige Dinge so zu kümmern, wie wir es gerne täten. Wenn man mal wieder alles abgeben oder am liebsten doch gar keine andere Arbeit machen müssen will. Wenn es mal wieder weniger Geld gibt, als beantragt. Naja, irgendwas ist immer. Wir haben den 40. Geburtstag des Kunstvereins Lüneburg zum Anlass genommen, etwas in den Mittelpunkt zu stellen, das hinter unserer Oberfläche liegt, das diese Oberfläche ständig herstellt: Arbeit. Die Arbeit, die nötig ist, damit Leute in der Ausstellung stehen, sitzen, liegen können und eine ästhetische Erfahrung machen, damit Gespräche und Vermittlungsangebote darüber stattfinden und auch fruchten können. Wir haben überlegt, wer was worüber schreiben könnte, jede:r von uns hatte jemanden im Kopf oder ein Thema zum Selberschreiben. Relativ unhierarchisch, wie wir organisiert sind, hat sich ein recht eklektischer Mix aus Beiträgen ergeben – Unschärfe als Produkt von Horizontalität.
Was in dieser weitgehenden Horizontalität unmittelbar zu Tage tritt, sind die Widersprüche, durch die wir uns in dieser Arbeit bewegen: gegensätzliche Ansichten gleichrangig Arbeitender, inhaltlicher Programmanspruch und finanzielle Lage, Kritik an und Abhängigkeit von bestehenden Verhältnissen, unerschrockene Ambition und zweifelnde Erfahrung, die Frage was Kunst überhaupt ist, was sie kann, ob sie überhaupt etwas kann, und das Weitermachen anyway. Wir sagen jedes Jahr, dass wir weniger machen müssen, wir machen jedes Jahr mehr. Das ist ja mit Vernunft nicht zu erklären – vielleicht ist aber auch gerade das vernünftig. Wir machen von uns aus kaum Pressearbeit jenseits von Regionalzeitungen. Die PR-Maschine voll am Laufen zu halten, um dann in erster Linie über Reviews, Fachzeitschriften und Blogs zu einem Ruf zu kommen, ist in unserer Arbeitsweise nur schlecht leistbar. Wir haben noch keine halbe Stelle für irgendwas. Wo sie nicht durch Fördergelder unterstützt wird, wird unsere eine Arbeit hier durch unsere andere Arbeit dort subventioniert. Die Menschen, die den Ausstellungsraum betreten und Fragen haben, sind unsere primäre Öffentlichkeit. Auf die können wir, die jeden Tag hier sind, spontan reagieren. Wir versuchen, auf übermäßig knotigen und bemühten Theoriejargon zu verzichten – nicht weil wir »Leute abholen« wollen, sondern weil wir den Mund nicht so voll nehmen möchten, wenn es um das Zeigen geht. Idealerweise sind die Veranstaltungen und Gespräche so offen, dass man sich zu mehreren auf unsicherem Terrain bewegen kann, ohne wieder hinaus zu wollen.
Beim redigieren von Texten über die Arbeit der hier ausgestellten Künstler:innen fällt es uns immer wieder auf, wenn Sprache und Vokabular darauf ausgerichtet sind, zu beeindrucken, Schlagworte und Grammatiken wie eine Währung einzusetzen. Solche Texte dann auf ihren tatsächlichen Gehalt hin zu reduzieren, überhaupt auf den Gehalt der künstlerischen Arbeiten und Lebensweisen zu kommen und ihn sprachlich zu fassen, ohne sich zu verstolpern, ist zugleich eine der interessantesten und mühseligsten Arbeiten. Manchmal rutscht da auch etwas durch. Man liest also zwangsweise viel Theorie (bzw. Text, der sich dafür hält) um sie in ein offeneres Register zu übersetzen.
Auch die Bewältigung unserer Antragsbürokratie produziert ein aus artist statements und kuratorisch-verwaltender Textproduktion gefüttertes literarisches Genre, bei dem es leider genau auf die Währungsförmigkeit und das spekulative Wesen des Kunstbeschreibungsvokabulars ankommt. Je nach dem, wer das Geld verteilt, wollen andere Begriffe gelesen werden, um Zustimmung zu einem Antrag zu erteilen. Bestimmte Stichworte sind dabei oft Türöffner, andere nicht, genau weiß man das vorher nicht. Man hat aber schon so eine Ahnung und schreibt entsprechend. Dabei kann sich das Vorhaben inhaltlich voll mit der Bedeutung der im Antrag verwendeten Schlagworte decken, es deckt sich auch fast immer, ein wenig wie ein lästiges Spiel fühlt es sich trotzdem jedes mal an. So geht Bürokratie. Alle wissen das auch – man muss das leicht nehmen, sonst kann man es lassen.
Wir haben für »Arbeit Kunstverein« 40 Jahre Archiv durchgesehen, aufgefüllt, rekonstruiert und sortiert. Daraus haben wir Collagen gemacht, die mehrere Dinge verraten: wie sich die Jahre der Arbeit in der medialen Öffentlichkeit niedergeschlagen haben, welche Art von Kunst gezeigt wurde, was in der jeweiligen Zeit in der Welt passiert ist, auch ob das Archiv überhaupt als solches laufend geführt wurde oder ob Lücken bleiben. Was beim Durchgehen dieser Archivcollagen auffällt, was uns auch bei der Sichtung des Archivmaterials selbst schnell klar wurde: das Interesse der lokalen und regionalen Presse am Geschehen in den örtlichen Kunstinstitutionen hat seit den 1980er Jahren sichtlich abgenommen. Je weiter zurück wir im Pressearchiv gingen, desto mehr und ausführlichere Artikel und Meldungen fielen in unsere Hände, selbst in Jahren mit wenig Programm. Das Verhältnis von Programm und Presse hat sich gewandelt. Ich habe mich zum Beispiel absurd gefreut, dass ein Journalist der Landeszeitung in einem durchaus positiven Artikel zu einer Ausstellung Mitte der 1990er am Schluss bemerkte, der die Ausstellung begleitende Katalog sei »schlampig redigiert«. Welche Aufmerksamkeit! Heute kostet es oft einiges an Überredung und Nachdruck, um überhaupt nur Erwähnung in der Zeitung zu bekommen. Oft schreiben wir einfach eine Pressemitteilung, die dann eben übernommen wird oder nicht. Das Veröffentlichen von Meldungen, ganz zu schweigen von Berichten oder – oh Wunder – Kritik zu lokalen Kunstveranstaltungen findet kaum noch in journalistischen Medien statt, ein paar spezialisierte Kunstzeitungen und -magazine mit äußerst schmalem Publikum mal ausgenommen. Der aufmerksame Journalist, der damals den Katalog so schlampig redigiert fand, lässt sich glücklicherweise noch ab und an zu einem ausführlicheren Artikel überreden.
Der mediale Rücklauf hängt dabei auch mit größeren Entwicklungen zusammen. Die Öffentlichkeit hat sich in der Folge von Produktivkraftentwicklungen, Kapitalentscheidungen und historisch-politischen Veränderungen strukturell stetig gewandelt. Sie tritt heute heute in der Form übernationaler Meinungsmärkte in Privatbesitz auf, die weitgehend das Geschehen bestimmen. Sie können als Öffentlichkeit erscheinen, weil sie zur Infrastruktur des allgemeinen Austauschs von Meinungen und Informationen geworden sind. Kaum etwas geht ohne Amazon-Server, Google services, Meta-Apps, Community-Guidelines, User-Experience-Metriken und deren an jede Mitteilung gelegte Erfolgsmaßstäbe. Inhaltlich kann dabei von Wissen, geschweige Kritik, nur vergleichsweise selten die Rede sein. Es sind die Medienplattformen, von denen selbst einstige Flaggschiffe der »vierten Gewalt« Journalismus in die völlige Abhängigkeit getrieben wurden. Ökonomie setzt sich gnadenlos durch. Da kann selbst eine Lokalzeitung mit geringem Interesse am weniger populistischen Kulturgeschehen einfach nicht mithalten. An dieser Entwicklung können wir als einzelne Institution nichts ausrichten, wir können nur ihre Spur verfolgen, sie dokumentieren und zum Anlass nehmen, die eigene Arbeitsweise zu ändern oder gerade nicht zu ändern. Wir können mit anderen Institutionen ins Gespräch kommen, Gegenöffentlichkeiten bilden, miteinander Strategien gegen die grassierende Vereinzelung und den plumpen Populismus des Plattformzeitalters entwickeln.
Wir können Inseln sein, kleine Risse in der Mauer, Orte an Nicht-Orten, Verunsicherungsräume oder, wie man es nimmt, relativ geschützte Orte an denen wir und andere ein wenig Distanz gewinnen können: von der Kälte des Geschäfts, dem Geschrei der Meinungsmärkte und der identitären Selbstversicherung. Wo sich stoische Vereinsarbeit und künstlerische Praxis vermischen. Die Lage ist zusehends chaotisch und nur eines ist daher ziemlich sicher: Es gibt Arbeit für uns. Davon handelt unser Dossier.