von Pia C. Dittmer
Alte, etwas verstaubte Ordner. Schwer. Vergilbtes Papier. Rechnungen von Firmen, die vielleicht gar nicht mehr existieren. Viele von Hand beschriebene Seiten. Von 1984 bis 2007 wurden alle Protokolle per Hand geschrieben. Einige über mehrerer Seiten. Unterschiedliche Handschriften von eingetragenen Schriftführer:innen. Vergangenes in den Versammlungsprotokollen. Probleme, aufkommende Themen, Konflikte, aber auch Erfolge, Anekdoten und Zwischenmenschliches können in den vielen Seiten vergilbten Papiers nachgelesen werden. Wer per Hand während den Öffnungszeiten die Besucher:innenlisten führte, ist nicht rekonstruierbar. Ein Lesezeichen, eine Erinnerung. Oder geknickte Papierecken, durch unaufmerksames Einsortieren verursacht? Postmappen zwischen den Ordnern. Gefüllt. Nicht sortiert. Vermutlich nicht vollständig. Schnipsel.
Ich fing an, mich den Fragmenten des Kunstvereins zu widmen. Was mich interessiert, sind die aufgehobenen Zettel, die Personen, die in den Protokollen auftauchen, die Geschichte des Kunstvereins, die Strukturen, Zeiten und Themen, die in diesem Archiv sichtbar oder unsichtbar bleiben. Dabei frage ich mich häufig, warum dieses oder jenes Dokument, ein bestimmtes Objekt aufbewahrt wurde. Welche Informationen und Dokumente wurden und werden nicht aufgehoben? Ein Großteil der Weitergabe läuft nach wie vor auf der Gesprächsebene – es wird von Vergangenem, Aktuellem und Zukünftigem gesprochen, ohne dass es in irgendeiner Form abgespeichert wird. Gerade Archive innerhalb ehrenamtlich geführter Institutionen werden aus Zeit- und Kapazitätsmangel beiläufig befüllt – es wird eben das gesammelt, was im Moment für wichtig genug gehalten wird. Es existieren keine allgemeinen Vorgaben, die festlegen, was wie dokumentiert werden sollte. Die Eröffnungen lassen sich rekonstruieren, aus Postern und Flyern, Besucher:innenlisten und Fotografien, über Lücken hinweg. Es gibt Mappen, die mit Jahreszahlen beschriftet sind oder mit »Kurioses«, was auch immer das sein mag. Die Flyer, Plakate, Publikationen, Besucher:innenlisten und Zeitungsartikel machen den verstreuten Großteil aus. Teilweise finden sich beschriftete Dias zwischen den Akten, von Ausstellungseröffnungen. Alles wiederholt sich, gerade daraus lassen sich die Veränderungen lesen. Es sind lückenhaft gesammelte Schnipsel der Vereinsgeschichte. Darin: ganz viel Wiederholung.
Seit den ersten Jahren des Kunstvereins gibt es wiederkehrende Probleme und Aufgaben, wie etwa die Suche nach geeigneten Ausstellungsräumen, entweder für einzelne Sonderprojekte oder als feste Möglichkeit für den laufenden Betrieb. Dabei wurde unregelmäßig im Foyer des Museums Lüneburg ausgestellt, oder auch darüber diskutiert, in den Schalterhallen der Stadtsparkasse auszustellen. Das Heinrich-Heine-Haus, das sieben Jahre lang zunächst unerfüllter Wunschort des Kunstvereins war, entpuppte sich nach dem Einzug als ein Ort, der wenig Spiel bei Raumnutzung und -zugängen ließ. Das Standesamt befindet sich im selben Gebäude, das Literaturbüro und einige Verwaltungsräume. Dem Kunstverein wurde von der Stadt Lüneburg nur ein einziger Schlüssel zu den Ausstellungsräumen zur Verfügung gestellt, Nägel durften aufgrund des Denkmalschutzes nicht in die Wände geschlagen, Rotwein durfte nicht ausgeschenkt werden und Strafzettel für das Parken in einer verkehrsberuhigten Zone wurden während Ausstellungsaufbauten ausgestellt. Beim Auszug aus dem Heine-Haus in die heute genutzten Räume der Lünerstraße 10a wurden Kistenweise Dokumente, alte Publikationen und all die anderen Dinge transportiert, »die man mal sortieren müsste«.
Ist also vielmehr von einer Vielzahl partieller Archive innerhalb der Institution auszugehen? Kunstvereine sind Organisation und Praxis, sie finden räumlich statt. Es wird fortwährend gesammelt, überblickt und kartiert1. In den meisten Fällen bleibt den Mitarbeitenden keine Zeit, sich dem angesammelten Wissen in Bezug auf neue Frage- und Problemstellungen zu nähern, das Archiv also zu einer Enzyklopädie auszubauen.
Und dennoch sind Archive für Kunstvereine in mehrfacher Hinsicht wichtig. Mitgliederverträge, Satzungen, Versicherungen, Verträge etc. müssen nachweisbar sein. Es existiert also erstmal ein formelles Archiv, das den bürokratischen Mindestanforderungen gerecht wird. Derart auf Oberflächlichkeit angelegt und wenig digitalisiert, mussten wir also einige Suchwege gehen, um es in der nötigen Tiefe aufbauen zu können. Je nach Vorstand sind die Ordner schließlich voller oder leerer, befinden sich an unterschiedlichen Orten, bei unterschiedlichen Menschen oder existieren nur als digitale Fragmente auf Festplatten, die man erstmal suchen muss.
Was nützt uns diese Sammlung? Bildet sie tatsächlich die letzten vierzig Jahre des Kunstvereins Lüneburg ab? Die Lesart des Archivs ist zwangsläufig so offen wie der Arbeitsprozess, der die Ergebnisse produziert, die dann zum Teil archivierbar werden.
Bei meiner Arbeit zu dem Archiv des Kunstvereins interessierten mich gerade die Probleme. Etwa ein beschädigtes Kunstwerk, das nicht umfassend versichert war. Die kontroverse Diskussion um die Zusammenarbeit innerhalb des Vorstands. Seit dem Beginn des Kunstvereins Lüneburg kommt es auch immer wieder vor, dass Beiträge von Mitgliedern nicht bezahlt werden, dass höhere Austritte in bestimmten Jahren gelistet werden oder dass es zu grundsätzlichen Diskussionen über den Fortbestand des Kunstvereins Lüneburg kommt. In einem Protokoll ist beispielsweise von Fragebögen die Rede, in denen die Mitglieder die von ihnen gewünschten Schwerpunkte der Vereinsarbeit benennen sollen. Diese Fragebögen sollten am Ende der Sitzung 1992 beim Vorstand abgegeben werden. Wo diese Fragebögen abgeblieben sind oder zu welchem Ergebnis sie geführt haben, konnten wir aus dem vorliegenden Archivmaterial nicht entnehmen.
Gesammelt wird immer weiter. Wir haben im Zuge der Entwicklung dieser Publikation unser Archiv in eine andere Form gebracht. In genormten Faltkartons, nach Jahren sortiert und beschriftet, hat es, vielleicht zum ersten Mal, zumindest eine konsequente Form, auch wenn es nicht vollständig ist. Als diejenige Person aus dem Kunstverein, die sich am intensivsten mit dem Archiv befasst, habe ich natürlich gewisse Vorstellungen, wie ein Archiv aussehen müsste. Wie können diese Vorstellungen mit dem tatsächlichen Archiv des Kunstvereins Lüneburg zusammengehen, was können wir uns an Raum und Archivierungsmaterial leisten, was finde ich vor, um die Vorstellung einer Ordnung umsetzen zu können? Ich begann mit der Sammlung der in den letzten 40 Jahren publizierten Zeitungsartikel über den Kunstverein aus dem digitalen Archiv der Landeszeitung. Jede kleinste Erwähnung des Kunstvereins wurde als Artikel gespeichert, ausgedruckt und in den passenden Archivkarton einsortiert. Alle lose herumfliegenden Dinge wurden auf Datumsangaben durchgesehen und entsprechend abgelegt. Für die Bildstrecke in diesem Buch haben wir die Jahre als Stapel vorsortiert – Plakate, Flyer, Rechnungsbücher, Besucher:innenlisten, Notizen, Bewerbungen, Protokolle, Raumpläne, Eröffnungsreden. Eine möglichst vollständige Darstellung scheint mir wichtig. Nicht nur Flyer, Plakate und Ausstellungstexte, die explizit für die Rezeption durch Besucher:innen produziert wurden, auch und vor allem die handgeschriebenen Notizen interessieren mich. Kleine Notizen von Aufsichten für ihre jeweilige Ablösung, Postkarten von Künstler:innen, die im Verein ausgestellt hatten und weiterhin in Kontakt bleiben wollten. Das Persönliche, Selbstgemachte, die unterschiedlichen Herangehensweisen der Personen, die den Kunstverein über die Jahre begleiteten, liegen besonders in meinem Fokus. Ich sehe die Hintergründe und kann die Arbeit und Auseinandersetzungen besser einordnen. Ein aufbewahrter Strafzettel erzählt mitunter genauso viel, wie ein knapp geführtes Protokoll einer Mitgliederversammlung. Auch durch das Aufheben der unwichtig erscheinenden Dinge wird das Bild genauer. Für andere, die anders sammeln, anders katalogisieren, anders auswählen.
1
Beyes, T., Holt, R. (2020): The Topographical Imagination: Space and organization theory. Organization Theory, Sage.