
von Tjado Barsuhn, Nicola Hütz und Timon Scheuer
Erstveröffentlicht in unserer Zeitung »The Window« aus dem Kooperationsseminar mit der Leuphana Universität
Originalillustration von Paula Riechardt, Bearbeitung von Max Weinland
Deutsche Kunstvereine sind international renommiert, aber lokal unterschätzt. Das beißt sich mit ihrem eigenen Anspruch zeitgenössische Kunst einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wie also den Stellenwert der Kunstvereine in der Kulturlandschaft ausbauen, ohne dass dabei die Qualität von Kuration und Programm leidet? Der Wunsch nach höherer gesellschaftlicher Relevanz erfordert einen Spagat zwischen Exklusivität und Offenheit. Gefragt sind Fingerspitzengefühl und Lust auf Experimente.
Kunstvereine: Die Missverstandenen
Als Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Kunstvereine ins Leben gerufen wurden, galten sie als Gegenentwurf zu privaten Galerien und Sammlern. Sie versuchten Kunst, die bisher hauptsächlich dem Adel vorbehalten war, auch den Bürger:innen zugänglich zu machen. Damit wurden sie ein emanzipatorischer Ausdruck des aufstrebenden Bürgertums. Heute steht das, was einmal revolutionär war, eher spießbürgerlich da. Die Vereine sind teils überaltert und werden nicht als Orte der Partizipation, sondern als konservative Blasen für kunstinteressierte Rentner:innen wahrgenommen.
»Man merkt immer wieder, dass der Vereinsbegriff für Irritation sorgt, dass er missverstanden wird« meint Miriam Bettin, Assistenzkuratorin im Kunstverein Köln. Häufig verstünden die Leute nicht, »dass der Kunstverein nicht nur Programm für seine Mitglieder macht, sondern für ein sehr breites Publikum«. Oft wäre man international gegenüber Modell und Aufgabe der Deutschen Kunstvereine aufgeschlossener als in der eigenen Stadt.
Das Problem ist den Mitarbeitenden und Mitgliedern der Vereine also durchaus bewusst, steht es doch in direktem Widerspruch zu ihrer Mission, zeitgenössische Kunst interessierten Bürger:innen näherzubringen. »Der große Vorteil von Kunstvereinen ist ja eigentlich, dass sie niedrigschwellig sein sollten, dass sie auch ein großes Vermittlungsprogramm anbieten. Dass sie wirklich ein aktiver Ort sein sollten« führt Bettin weiter aus. Verschiedenste Zielgruppen und Expertisen sollen zusammengebracht werden. »Dies ist ein Raum, in dem ein Austausch stattfinden kann«.
Wie aber soll es zu einem Austausch kommen, wenn Kunstvereine als geschlossene Institutionen wahrgenommen werden. Wie bringt man spitze künstlerische Positionen und breites Interesse zusammen? Friedrich Dietz, Direktor des Kunstvereins Freiburg kennt das Problem aus erster Hand. Bei Ausstellungen, die auch gesellschaftliche Themen behandeln, gäbe es vereinfacht gesagt zwei Arten von Besucher:innen: Einerseits ein Publikum, das primär der Kunst wegen käme. Andererseits diejenigen, die vor allem wegen des thematischen Schwerpunkts die Ausstellungen besuchen und sich inhaltlich informieren wollten. Aufgrund dieser Ausgangslage, sei es schwierig die unterschiedlichen Erwartungshaltungen zu erfüllen.
Bei Ausstellungen zum Klimawandel beispielsweise wäre die Erwartung, dass das Thema mit »viel Wissensvermittlung nachvollziehbar dargelegt wird, aber dann stehen die Besucher vor einer zeitgenössischen Installation, bei der das nicht so ist«. Die Ursache hierfür sieht Dietz insbesondere darin, dass einige Besucher:innen nicht in der Wahrnehmung von Kunstwerken geschult wären – ein klassisches Bildungsthema für Kunstvereine also. Ein Auftrag, dem sich Kunstvereine bereits widmen, jedoch womöglich noch stärker zuwenden müssen.
Wie Kunstvereine ihre Unabhängigkeit nutzen
Als Vermittlungsinstanz versuchen Kunstvereine also eine Brücke zu schlagen zwischen der Kunstproduktion und der Gesellschaft. Beide Konzepte sind jedoch in stetigem Wandel und könnten unterschiedlicher nicht sein. Kunstvereinen wird demnach höchste Flexibilität abverlangt. Ein hoher Anspruch, dem jeder Verein in seiner eigenen Art gerecht zu werden versucht. Dabei spielen die Ressourcen der Kunstvereine eine entscheidende Rolle.
Ein Großteil der Kunstvereine verfügt über vergleichbares »Kapital« in Form von Räumlichkeiten in zentraler Lage, in Form von Mitgliedern und Sponsoren, in Form von Netzwerken und Kooperationen mit anderen renommierten Kulturinstitutionen und wortwörtlich in Form von Fördergeldern durch Stiftungen, Kommunen und Bundesländer. Es gilt dieses »Kapital« im Sinne ihres Vermittlungsanspruchs gewinnbringend einzusetzen. Wie so etwas in Bezug auf die eigenen Räume aussehen kann, beschreibt Hans Christ, Direktor des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart. Es gehe darum den »Open-Source-Gedanken« in den Mittelpunkt zu stellen. So sei der Eingangsbereich des Kunstvereins die einzige konsumfreie Zone in der gesamten Innenstadt. Infolgedessen hätten viele politische und zivilgesellschaftliche Gruppen die Räume für sich entdeckt. Demnach sind einige Räume vom »Kerngeschäft« entkoppelt. »Heute«, sagt Christ mit einem Schmunzeln, »ist der Kunstverein eine Art ›Counter-Parlament‹ zum gegenüberliegenden Landesparlament.«
Die Idee vom Gegenentwurf, vom Experiment schlägt sich auch in den Ausstellungsprogrammen der Kunstvereine wider. Thomas Häntzschel, Vorsitzender des Kunstvereins Rostock merkt an: »Unsere ›Luxus-Situation‹ ist, dass wir nicht auf Einnahmen angewiesen sind. Das heißt wir können auch mal eine Ausstellung machen, die ein bisschen gegen den Strich gebürstet ist. Wo wir wissen, es kommen nicht so viele Besucher«. Die Unabhängigkeit vom Kunstmarkt ist die Stärke der Kunstvereine. Sie sehen sich als diejenigen, die mehr wagen können als kommerzielle Galerien und dies auch tun sollten. Sie geben jungen Künstler:innen eine Plattform, machen gesellschaftliche Probleme zum Thema. Auch deswegen wollen sie als wichtiger Teil der Kunstszene wahrgenommen werden.
Vor diesem Hintergrund sind Kooperationen umso wichtiger – insbesondere mit anderen, etablierten Kunstinstitutionen. Die Direktorin des Braunschweiger Kunstvereins, Dr. Julia Hillgärtner, empfindet den persönlichen Draht und die persönliche Ansprache als besonders wichtig für eine erfolgreiche Vernetzungsarbeit. Doch das kostet Zeit und Zeit kostet Geld. Ihr Vorschlag daher: Eine explizite Förderung für Kooperationen auf städtischer Ebene.
Was gelungene Zusammenarbeit bewirken kann, zeigt sich in Dresden. Dort gründete sich im Dezember 2017 ein neuer Kunstverein mit dem Ziel, einen unabhängigen Raum für junge, internationale Kunst in der Stadt zu schaffen. Die zwei bereits bestehenden Kunstvereine konzentrierten ihre Arbeit auf das Präsentieren von sächsischen Künstler:innen. Der junge Verein stand vor der Herausforderung, sich als neue Institution in der Kunstszene von Dresden zu etablieren. Adina Rieckmann, Vorsitzende des Kunstvereins beschreibt die Vorgehensweise als »Kooperation statt Konkurrenz«. Zusammen mit den zahlreichen benachbarten Kulturinstitutionen in der Innenstadt sei es so gelungen ein interessiertes Publikum anzuziehen. So werden Ausstellungen gleichzeitig mit den benachbarten privaten Galerien eröffnet. Das ermöglicht den Besucher:innen von einer Ausstellungseröffnung in die nächste zu gehen. Eine Praxis, die Rieckmann »Galeriehopping« nennt. Das zahlt sich aus. Die Ausstellungseröffnungen sind sehr gut besucht, die Mitgliederzahlen sind gestiegen.
Eine hohe Zahl von Mitgliedschaften ist für alle Kunstvereine in Deutschland von großer Bedeutung. Doch so wie etwa Dietz für Freiburg eine sinkende Bereitschaft für Mitgliedschaften erkennt, so stehen viele Vereine vor der großen Herausforderung wieder mehr Menschen an sich zu binden. Die Direktorin des Braunschweiger Kunstvereins verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den örtlichen Kunsthochschulen. Im letzten Jahr wurde begonnen, die Meister:innen-Ausstellung der Absolvent:innen in den Räumlichkeiten des Kunstvereins zu präsentieren. Dieser neue Bezugsrahmen ließe den Kunstverein für die Studierenden in einem neuen Licht erstrahlen. Besonders freut sich Frau Hillgärtner über die zahlreichen Besucher:innen, die über dieses Format neu erreicht werden konnten. Nadine Droste, Direktorin in Bielefeld, beschreibt, dass es im eigenen Kunstverein zuletzt vermehrt mit den Mitgliedern in den Dialog getreten wurde, um den Kunstverein nahbarer zu machen. Dank der engen Kooperationen mit den städtischen Hochschulen sei es gelungen Aufmerksamkeit zu generieren. Ein weiterer Faktor seien Veranstaltungen gewesen, die gezielt Mitglieder untereinander vernetzen. Der Kunstverein sei ein Ort des Zusammenkommens geworden. Kunst genutzt als Medium, um Menschen verschiedenster Verhältnisse zusammenzubringen.
Ein Verständnis, welches Kunstvereine quasi zurück zu den Wurzeln führt. Es verstetigt sich der Eindruck, dass eben diejenigen Kunstvereine auf einem zukunftsweisenden Weg sind, die sich sowohl ihres Auftrags als auch ihres »Kapitals« bewusst sind und dies zweckdienlich einzusetzen verstehen. Wenn diesem Engagement wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde, sollte es ein Leichtes sein den spießbürgerlichen Staub, der sich über die Jahre angesammelt hat, beiseite zu wischen.
Tjado Barsuhn, Nicola Hütz und Timon Scheuer haben sich auf einen Streifzug begeben, um in der ganzen Republik mit Vertreter:innen von Kunstvereinen zu sprechen. Dabei wurde überraschend deutlich, wie sehr sich die Herausforderungen, trotz großer regionaler Unterschiede, gleichen.